30.1. | Shoplifters ­ Familienbande

18.00/20.30

Vater und Sohn auf gemeinsamer Diebestour in einem Supermarkt: Mit einstudierter Routine gehen Osamu (Lily Franky) und sein zwölfjähriger Sohn Shota (Jyo Kari) auf Beutezug. Sie schirmen sich gegenseitig geschickt ab, geben sich Hinweise und passen aufeinander auf. Man ahnt schnell, dass die beiden dies nicht zum Spaß machen, sondern zu jener Gruppe von Menschen gehören, die ganz am Rande der japanischen Gesellschaft stehen. Auf ihrem abendlichen Weg nach Hause lesen sie ein offensichtlich ausgesperrtes kleines Mädchen auf und laden die hungrige Yuri (Miyu Sasaki) spontan zum Abendessen ein. Ganz selbstverständlich wird Yuri von der Familie liebevoll umsorgt. Bald bemerken sie, dass das Mädchen in seiner eigenen Familie ungeliebt und unerwünscht ist, ja sogar misshandelt wird. Kurz entschlossen behalten sie Juri einfach und behandeln sie wie ein eigenes Kind. Doch die kleine Welt dieser Wahlfamilie ist auf Sand gebaut und bricht bald in sich zusammen – und es zeigt sich, dass auch in dieser Familie kaum etwas stimmt. Den Filmtitel müsste man eigentlich umdrehen, denn die komplizierten Beziehungen in dieser kleinen Gemeinschaft nehmen einen viel größeren und wichtigeren Teil ein als deren kriminelle Machenschaften. Aus den prekären Lebensverhältnissen errichtet sich diese ganz spezielle Familie eine kleine Trutzburg gegen eine Welt, in der sie sonst rettungslos verloren wären. Dass die Dinge kein gutes Ende nehmen, lässt einen, trotz aller Verfehlungen dieser Menschen, traurig zurück, zaubert aber dennoch ein kleines Lächeln ins Gesicht. Weil es schön war. Und gut. Und warm.

Japan 2018, Regie: Hirokazu Koreeda; Darsteller: Lily Franky, Jyo Kari, Miyu Sasaki, ab 12, 121 min

23.1. | Seestück

nur 19.30

In Verbindung mit dem Deutschen Schifffahrtsmuseum

und dem Kulturbüro Bremerhaven

in der Reihe „MARITIMES KINO“

Zu Gast : Regisseur Volker Koepp

Die Ostsee, für Millionen Menschen ein schönes sommerliches Urlaubsziel, für ebenso viele andere aber schlicht Heimat. Sie leben auf der Insel Usedom und an den polnischen Stränden, an der Küste des Baltikums und auf nördlichen Schären Schwedens. In dem Dokumentarfilm von Volker Koepp erzählen Fischer, Wissenschaftler, Seeleute und Einwohner der Küstenstädte von ihrem Leben mit der alle verbindenden Meereslandschaft. Es entsteht das Bild eines Alltags, in dem der politische Ost-West-Konflikt, nationale Alleingänge, aber auch ökologische Probleme eine große Rolle spielen. Der renommierte Dokumentarist Volker Koepp hat den Titel „Seestück“ für sein neues Werk mit Bedacht gewählt. Er ist angelehnt an Gemälde mit Meeresmotiven und in der Tat präsentiert Koepp einprägsame Natur- und Landschaftsbilder im Geiste Caspar David Friedrichs. Er belässt es aber nicht dabei. In „Seestück“ erkundet er die Küstenlandschaft von Mecklenburg bis Riga und das Leben der dort beheimateten Menschen – eine Liebeserklärung an die Ostsee.

Deutschland 2018, Regie: Volker Koepp, Dokumentation, ab 0, 135 min

16.1. | Aufbruch zum Mond

18.00/20.30

In den USA ist er ein Nationalheld, der Astronaut Neil Armstrong. Im Rahmen der Apollo 11-Mission betrat er am 20.Juli 1969 als erster Mensch den Mond. Damit erfüllte sich nicht nur ein uralter Menschheitstraum ; gleichzeitig konnten die USA den Wettlauf im All gegen die konkurrierende Sowjetunion für sich entscheiden. Neil Armstrong ist seitdem ein Symbol für die dramatischen Ereignisse des amerikanischen Raumfahrtprogramms zwischen 1961 und 1969. Doch wer ist der Mensch hinter der Funktion des Astronauten ? Der Regisseur Damien Chazelle stützt sich bei seinem Deutungsversuch ganz wesentlich auf die Armstrong-Biographie des Historikers James R. Hansen, dem der Astronaut exklusiven Zugang zu privaten Dokumenten und persönlichen Quellen gewährte. Einfach war dieser Weg für Hansen nicht. „Ich brauchte ungefähr zwei Jahre, bevor ich von ihm grünes Licht bekam“ erzählte er später. Neil Armstrong begann seine Karriere als Pilot im Koreakrieg und arbeitete dann als Testpilot bei der Air Force, bevor es ihm gelang, bei der NASA zum Astronauten ausgebildet zu werden. „Aufbruch zum Mond“ erzählt von seinem Leben und den enormen Konflikten und Entbehrungen, mit denen Armstrong konfrontiert war. Und es geht um die Motivation, die ihn und seine Kollegen dazu antrieb, das zuvor Undenkbare zu versuchen.

USA 2018, Regie: Damien Chazelle, Darsteller: Ryan Gosling, Claire Foy, Corey Stoll, Lukas Haas, ab 12, 143 min

9.1. | Touch Me Not

18.00/20.30

Was soll man von diesem Film halten ? Selten, vielleicht noch nie, hat ein Berlinale-Gewinner bei Publikum und Kritikern derartige Kontroversen ausgelöst. Die Berliner Morgenpost meinte einen „rumänischen Nackt-Schocker“ gesehen zu haben, andere reagierten mit Kopfschütteln, Ekel, Unglauben. Bei der Pressevorführung verließen Rezensenten scharenweise den Saal. Die übrigen, die blieben – applaudierten am Schluss. „Touch Me Not“ ist ein Film über die Intimität und die Angst davor. In einer Gruppentherapie lernen Behinderte und Nichtbehinderte einander zu berühren. Die äußerlich völlig gesunde Laura tut sich extrem schwer damit. Sie kommt sich in ihrem eigenen Körper wie eine Fremde vor. Der an Muskelschwund leidende Christian hingegen fühlt sich wohl mit seinen von der Krankheit verformten Gliedmaßen und ist stolz auf seine Sexualität. Die Kamera lässt nichts aus bei der intimen Beobachtung der Teilnehmer. Das verstörte die einen und trieb sie aus dem Kinosaal. Für andere, die den Film, erst irritiert und dann beglückt, zu Ende gesehen haben, wurde er zu einem Erlebnis, das den Blick weitet und eine völlig neue Perspektive auf Sexualität eröffnet. Diese ganz unterschiedlichen, ja gegensätzlichen, Zuschauerreaktionen polarisieren. Es möge sich jeder selbst ein Urteil bilden.

Rumänien 2018, Regie: Adina Pintilie, Darsteller: Laura Benson, Christian Bayerlein, Tomas Lemarquis, ab 16, 125 min

2.1. | Der Trafikant

18.00/20.30

Österreichern muss man nicht erklären, was eine Trafik ist (ein kleines Geschäft für Tabak-, Schreibwaren und Zeitungen). Auch alle Deutschen, die den 2012 erschienenen Roman „Der Trafikant“ von Robert Seethaler gelesen haben, wissen es. Und sie können zurecht gespannt sein auf die Verfilmung des Bestsellers. Der Film des Regisseurs Nikolaus Leytner begibt sich mitten hinein in das Österreich des Jahres 1937. Der 17-jährige Franz Huchel (Simon Morzé) kommt aus seinem Heimatdorf im Salzkammergut nach Wien, um in der Trafik von Otto Trsnjek (Johannes Krisch) in die Lehre zu gehen. Zu den besten Kunden gehört der 82-jährige Siegmund Freud (Bruno Ganz). Die Leute nennen ihn den „Deppendoktor“, der „Köpfe repariert, innen drin“. Das fasziniert Franz sehr. Genauso angetan ist er von der hübschen Böhmin Anezka (Emma Drogunova), die ihren Verehrer aber nur Burschi nennt und mehrmals für schlimmen Liebeskummer sorgt. Da kann selbst der große Siegmund Freud dem Unglücklichen nur bedingt weiterhelfen. Dennoch entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden, die zum Zentrum des Films wird. Aber da bricht die große Politik hinein in das Geschehen in der kleinen Tabaktrafik. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland im März 1938 ändert sich alles. Die Diktatur wird in rasender Geschwindigkeit errichtet, in der Trafik am deutlichsten zu bemerken an den gleichgeschalteten Zeitungen. Wer eine gelesen hat, kennt sie alle. Es steht, von der Zensur verordnet, überall dasselbe drin. Und Otto Trsnjek, ein Jude, verschwindet in den Folterkellern der Gestapo. Nun ist Franz der Trafikant und muss mit 18 Jahren mit allem ganz alleine klarkommen. Detailfreudige und mit genauem Gespür für die Zeit inszenierte Literaturverfilmung mit einem großartigen Bruno Ganz als Siegmund Freud.

Österreich 2018, Regie: Nikolaus Leytner, Darsteller: Simon Morzé, Bruno Ganz, Johannes Krisch, Emma Drogunova, ab 12, 113 min


26.12. | Pink Elephants

18.00/20.30

Die Teilnehmer schreien, toben, weinen und kriechen, ihren Verstand haben sie ausgeschaltet. Im Schauspieler-Workshop des New Yorkers Bernard „Bernie“ Hiller ist das so gewollt, mehr noch, der Coach fordert es kompromisslos. Wer nicht spurt, fliegt raus. Das Geld zurück gibt’s natürlich nicht. Alle Teilnehmer bleiben, sie versprechen sich von dem brutalen Seelen-Striptease den großen Karrieresprung. Bernard Hiller ist von seiner Lehrmethode zutiefst überzeugt. Er kontrolliert alles, die Dramaturgie steht bis ins kleinste Detail vorher fest. Der absolute Herrscher fordert von seinen willigen Untertanen die totale seelische Entblößung und verspricht als Belohnung die schauspielerische Weiterentwicklung. Nur durch das Leid wächst die Kraft. Da drängt sich der Gedanke auf: Das ist kein Schauspieltraining, das ist eine Therapie. Die Teilnehmer des „masterclass“-Workshops brauchen und wollen eigentlich Lebenshilfe. Die Regisseurin Susanne Bohlmann hat mehrere Jahre an ihrem Film gearbeitet und ist mittendrin im Geschehen. Sie kommentiert nichts, aber zeigt alles. Es ist nicht einfach, dabei zuzusehen, wie schnell diese eigentlich intelligenten Leute bereit sind, ihren Verstand auszuschalten. Das führt zu der Frage: Warum ist es so leicht, sich Menschen gefügig zu machen ? Und man könnte darüber nachdenken, wie sich wohl ein Klaus Kinski in diesem Workshop verhalten hätte…

Deutschland 2016, Regie: Susanne Bohlmann, Dokumentation, ab 12,
92 min, Original mit Untertiteln (Originalsprachen Englisch, Französisch, Deutsch)