25.9. | Gloria – Das Leben wartet nicht

18.00/20.30

Die geschiedene Gloria (Julianne Moore) ist Mitte 50, ihre mittlerweile erwachsenen Kinder sind aus dem Haus. Eigentlich ist sie mit ihrem Leben recht zufrieden. Als Versicherungsberaterin in Los Angeles besitzt sie eine solide Basis und in ihrer Freizeit trinkt sie gerne einen guten Rotwein mit Freunden, passt auf ihre Enkel auf, besucht Yoga-Kurse. Vor allem aber geht sie leidenschaftlich gerne tanzen und bei einer dieser Ü-50-Discopartys lernt sie Arnold (John Turturro) kennen. Der Besitzer eines Paintball-Vergnügungsparks, ebenfalls geschieden, bezirzt Gloria mit seinem etwas wehleidigen Charme – erfolgreich. Doch was wie eine abenteuerliche Bilderbuch-Romanze mit Erotik und Schmetterlingen im Bauch beginnt, muss sich schon bald Themen wie Familie, Beziehungsfähigkeit und Verbindlichkeit stellen. Gloria muss für sich entscheiden, was sie im und vom Leben wirklich will. Ist die eigene Unabhängigkeit wichtiger als die Sehnsucht nach Liebe und Zweisamkeit? Der chilenische Regisseur Sebastián Lelio konzentriert sich in seinem Film fast vollständig auf seine Hauptdarstellerin Julianne Moore. Von ihrem Spiel wird das Geschehen getragen, die Kamera scheint unablässig um ihr Gesicht zu kreisen. Neben Moore lässt Lelio die Musik eine gewichtige Rolle spielen. Immer wieder laufen Popsongs – im Autoradio, auf der Tanzfläche – die mit Glorias Lebenslagen korrespondieren. Regisseur Lelio präsentiert mit „Gloria“ eine Neuverfilmung seines eigenen, gleichnamigen und in Chile spielenden Films aus dem Jahre 2013. Und er wollte für dieses US-Remake niemand anderen als Julianne Moore.

USA/Chile 2018, Regie: Sebastián Lelio, Darsteller: Julianne Moore, John Turturro, Barbara Sukowa, ohne Altersbeschränkung, 102 min

18.9. | Systemsprenger

Helena Zengel (Benni)

18.00/20.30

Wer sich mit Benni (Helena Zengel) anlegt, hat von Anfang an schlechte, ganz schlechte Karten. Das Mädchen ist zwar erst neun, aber bereits das, was man gemeinhin eine Furie nennt. Sie schreit und tobt und prügelt sich mit anderen Kindern. Wie ein Berserker tritt und schlägt sie um sich ; ihre Erzieher bedroht sie mit dem Messer. Wie eine heiße Kartoffel wird sie von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, von einer Jugendeinrichtung in die nächste weitergeschoben. Dabei möchte Benni eigentlich nur eins, zurück zu ihrer psychisch labilen Mutter, die aber schon mit ihren zwei anderen Kindern heillos überfordert ist und mit einem gewalttätigen Mann zusammenlebt. Da ist eine Rückkehr natürlich völlig ausgeschlossen. So gilt das als Kleinkind misshandelte Mädchen, kaum zehnjährig, bereits als hoffnungsloser Fall. Der titelgebende Ausdruck Systemsprenger ist eine Bezeichnung aus der Jugendhilfe für verhaltensauffällige Kinder, die das Netz aus sozialen Einrichtungen und psychologischer Betreuung nicht mehr auffangen kann. Die Regisseurin Nora Fingscheidt hat für ihr Langfilm-Debüt jahrelang in diesem Bereich recherchiert. Eine regelrechte Tour de Force ist so entstanden, ein emotionaler Ritt, der das Verhalten des traumatisierten Kindes ebenso zeigt wie die Hilflosigkeit und Erschöpfung der Mutter, der Erzieher, der Ärzte. Was da auf der Leinwand passiert und dann über den Zuschauersaal hereinbricht, das ist Sozialdrama und Körperkino zugleich. Dafür gab es bei der diesjährigen Berlinale einen Silbernen Bären. Und, hochaktuell, der Film wurde vor wenigen Tagen als deutscher Kandidat für den „Auslands-Oscar“ 2020 ausgewählt.

Deutschland 2019, Regie: Nora Fingscheidt, Darsteller: Helena Zengel, Lisa Hagmeister, Albrecht Schuch, ab 12, 119 min

11.9. | Leid und Herrlichkeit

18.00/20.30

Der spanische Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) ist nicht mehr der jüngste. Er leidet an einer ganzen Reihe von Gebrechen von Arthrose über Tinnitus bis zu Depressionen, die er zunehmend mit Schmerztabletten und Heroin bekämpft. Gezeichnet von seinem exzessiven Leben begibt er sich noch einmal auf Spurensuche und erneuert den Kontakt zu seinem früheren Hauptdarsteller Alberto (Asier Etxeandia) und seinem Ex-Liebhaber Federico (Leonardo Sbaraglia). Er blickt zurück auf seine wilde Zeit, die aus Sex, Drogen, Film, Kunst und einigem anderen bestand. Und seine Erinnerungen schweifen noch tiefer, hinein in seine Kindheit in einem Dorf in der Mancha und zu den bitteren Erfahrungen, die er in einer Priesterschule durchleben musste. Pedro Almodovar, Spaniens bekanntester zeitgenössischer Filmregisseur, erweist sich mit „Leid und Herrlichkeit“ als Großmeister der Doppelbödigkeit. Nicht nur erzählt er mit den Erlebnissen Salvador Mallos sozusagen Kino im Kino, er schildert auch, quasi unter Pseudonym, seine eigene Lebensgeschichte: der Film ist überaus autobiographisch geprägt. Und der Mallo (eigentlich Almodovar) verkörpernde Antonio Banderas war jahrzehntelang der bevorzugte Hauptdarsteller in Almodovars Filmen… Diese kunstvoll und makellos ineinander verschlungenen Ebenen machen den Reiz dieses melancholischen und eleganten Dramas aus. Man kann es, mit etwas Phantasie, als persönliches Vermächtnis des inzwischen 70-jährigen Altmeisters des spanischen Kinos sehen.

Spanien 2019, Regie: Pedro Almodovar, Darsteller: Antonio Banderas, Asier Etxeandia, Leonardo Sbaraglia, Penelope Cruz, ab 6, 112 min

4.9. | Vox Lux

18.00/20.30

Bei diesem Film geht es von Anfang an so richtig zur Sache. Die ersten Bilder zeigen einen Amoklauf in einer amerikanischen Schule, ein sogenanntes school shooting. Und der Zuschauer beobachtet diese Szenerie aus der Perspektive der Opfer, sieht wie der jugendliche Täter seine Mitschüler mit einer Maschinenpistole niederstreckt. Die 13-jährige Albertine (Raffey Cassidy) überlebt schwer verletzt. Wenig später wird sie in einem Gedenkgottesdienst ein Lied singen, das die ganze Nation zu Tränen rührt. Da springt die Pop-Industrie in Gestalt eines namenlos bleibenden Managers (Jude Law) auf den Zug auf und baut das junge Mädchen binnen kurzem zum Superstar auf. In Celeste umgetauft muss der neue Komet am Musikhimmel aber bereits nach wenigen Jahren den totalen Karriere-Absturz erleben. Lange völlig von der Bildfläche verschwunden wagt Celeste 16 Jahre später ein Comeback. Die Sängerin (nun von Natalie Portman verkörpert) nimmt ein neues Album mit dem Namen „Vox Lux“ auf, um damit noch einmal voll durchzustarten. Da kommt es in Bosnien zu einem Terroranschlag, der zahllose Opfer fordert und bei dem die Täter dieselben Masken tragen wie die junge Celeste in einem ihrer früheren Werbevideos. Der Regisseur Brady Corbet nimmt sich in seinem Film die heutige Welt mit ihren aus unterschiedlichen Motiven gespeisten Terroranschlägen vor und außerdem die Musikindustrie, die sich diese dramatischen Ereignisse in zynischer Weise für ihre Zwecke zunutze macht. Und er zeigt die hilflose Reaktion der Öffentlichkeit, die irgendwie versucht, das Terror-Trauma zu überwinden und sei es nur, indem sie eine jugendliche Sängerin fast wie eine Erlöserin anbetet. Ein harter und unbarmherziger Film, der keine Hoffnung macht ; es biegt kein positiver Rächer um die Ecke, der wie weiland Zorro die Welt von ihren Schrecknissen befreit.

USA 2018, Regie: Brady Corbet, Darsteller: Raffey Cassidy, Natalie Portman, Jude Law, ab 12, 115 min