29.11. | Happy End

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Dass ein Film des österreichischen Regisseurs Michael Haneke den schönen Titel „Happy End“ trägt, muss Haneke-Kenner verwundern, zu düster kommen seine Filme regelmäßig daher. Und so auch hier. Von einem fröhlichen Finale kann in der großbürgerlichen französischen Familiengeschichte, die der Österreicher hier vorstellt, nicht die Rede sein. Die in Calais ansässige Sippe der Laurents besitzt ein großes Bauunternehmen und lässt es sich in ihrer Villa am Meer gut gehen, aber innerfamiliär zerbröselt und zerbricht so gut wie alles. Lügen und Schweigen, Psychosen und Geheimnisse umwabern und beherrschen diese Familie. Sexuelle Seitensprünge gehören dazu und am Ende sind mindestens zwei Selbstmordversuche zu beklagen. Da gibt es für den geneigten Zuschauer genug zu kauen und noch mehr zu schlucken. Michael Haneke wartet in seiner schwarzhumorigen Gesellschaftssatire mit einem fulminanten Ensemble auf. Der Mittachziger Jen-Louis Trintignant verkörpert den Familienpatriarchen Georges Laurent, Isabelle Huppert seine Tochter Anne, Mathieu Kassovitz deren Bruder Thomas. Mit der 13-jährigen Eve (Fantine Harduin) kommt auch die Jugend zu Wort, aber, man ahnt es bereits, auch die Enkelin ist trotz ihrer jungen Jahre nicht minder verzweifelt. Da kann die Fassade noch so blankgeputzt aussehen, Haneke legt mit „Happy End“ erneut ein virtuoses Verstörungskino vor.

Frankreich/Österreich 2017, Regie: Michael Haneke, Darsteller: Jean-Louis Tringtinant, Isabelle Huppert, Mathieu Kassovitz, ab 12, 108 min

22.11. | Revolution of Sound Tangerine Dream

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Tangerine Dream war in den 1960er Jahren eine der ersten Elektronik-Bands Deutschlands. Raketenstarts und Raumfahrtvisionen prägten diese Jahre. Bandleader Edgar Froese und seine Mitstreiter ließen sich davon inspirieren und komponierten mit ihren kosmisch ausufernden und sphärischen Sounds die passende Musik dazu. Mithilfe von Synthesizern und Keyboards revolutionierten sie das Genre der Pop- und Unterhaltungsmusik und gingen dabei weite Wege hinein in die Klassik, die Neue Musik und die Filmmusik. Die Regisseurin Margarete Kreuzer stützt sich in ihrer Dokumentation auf von Edgar Froese gedrehtes Bildmaterial, das die Band bei weltweiten Auftritten hinter den Kulissen zeigt. Zusammen mit weiteren privaten Aufzeichnungen und Interviews mit Bandmitgliedern und Wegbegleitern präsentiert sie ein umfassendes Portrait dieser Pioniere der elektronischen Musik. Tangerine Dream und ihr Frontmann Froese, der 2015 überraschend starb, waren fortwährend auf der Suche nach neueren und besseren Sounds und experimentierten unentwegt mit verschiedenen Geräuschen und Klängen – bis hin zum eigenen Herzschlag. In der heutigen Ära der durchgestylten Popmusik und computergesteuerten Sendelisten der Hörfunkanstalten wirkt das, im positiven Sinne, aus der Zeit gefallen.

Deutschland 2017, Regie: Margarete Kreuzer, mit Edgar Froese, Peter Baumann, Christoph Franke und Johannes Schmoelling, ab 6, 90 min

15.11. | Körper und Seele

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Maria (Alexandra Borbely) und Endre (Gesa Morcsanyi) arbeiten beide in gehobener Stellung in einem ungarischen Schlachthof. Und sie teilen eine weitere Gemeinsamkeit: Jede Nacht haben sie beide denselben Traum. In Gestalt zweier Hirsche treffen sie sich in einem verschneiten Wald und verbringen dort gemeinsam Zeit. Das führt die beiden auch tagsüber näher zueinander. Allerdings ist Alexandra im Umgang mit anderen Menschen eher schwerfällig, auch körperliche Nähe ist ein großes Problem für sie. Und obwohl sich beide sichtbar näher kommen, siezen sie sich weiterhin, im Betrieb und auch privat. In dieser Situation kommt Alexandras Psychologe ins Spiel, ohne dessen Therapiestunden sie nicht in der Lage wäre, eine Beziehung zu Gesa aufzubauen. Der Film der Regisseurin Ildiko Enyedi ist kein klassischer Liebesfilm. Wer Rosamunde Pilcher schätzt, kommt bei „Körper und Seele“ nicht auf seine Kosten. Auch die an einem Schauplatz wie einem Schlachthof zu erwartende Blutrünstigkeit wird keineswegs ausgespart, bei der Schlachtung eines Rindes keine Einzelheit ausgelassen. Dennoch ist der ungarischen Filmemacherin in der Gesamtschau ein zärtlicher, poetischer und berührender Film gelungen. Bei der letzten Berlinale gab es dafür den Goldenen Bären.

Ungarn 2017, Regie: Ildiko Enyedi, Darsteller: Alexandra Borbely, Gesa Morcsanyi, Tamas Jordan, ab 12, 116 min

8.11. | 1917 – Der wahre Oktober

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Russland, Februar 1917, der Zar Nikolaus II wird gestürzt. Zunächst übernehmen bürgerliche Revolutionäre aus den Reihen des Parlaments, der Duma, die Regierung. Doch dann, im Herbst, putschen sich die Bolschewisten unter der Führung Lenins an die Macht. Als Oktober-Revolution wird diese Aktion in die Geschichte eingehen. Die Regisseurin Katrin Rothe hat sich diesem chaotischsten Jahr der russischen Geschichte auf eine ganz besondere Weise angenommen. Sie schildert die politischen Entwicklungen anhand der Erinnerungen fünf berühmter Zeitgenossen – aus dem Kulturbereich. Der Schriftsteller Maxim Gorki und der Maler Alexander Benois kommen zu Wort sowie die Lyrikerin Sinaida Hippius und die beiden Avantgardisten Kasimir Malewitsch und Wladimir Majakowski (Claudia Michelsen, Hanns Zischler, Martin Schneider, Arne Fuhrmann und Maximilian Brauer leihen dem Quintett ihre Stimmen). Außerdem präsentiert die Trickfilmerin Rothe diesen historischen Hintergrund in einer außergewöhnlichen Filmtechnik, einer Mischung aus Dokumentation und Animation. Dokumentarische Realfilmaufnahmen bettet sie ein in eine ganz besondere Form der Animation, der Legetricktechnik. Die sympathischen Legefiguren erwachen zum Leben und führen den Zuschauer durch eine überraschende Collage, die sich der Geschichte aus ganz unterschiedlichen Perspektiven nähert, um Straßenschlachten, politische Diskussionen und Manifeste nachfühlbar zu gestalten. Und, ganz nebenbei: Lenin taucht in dem Film kein einziges Mal auf…

Jule Körperich und Karin Demuth aus dem Team der Animationstechnik werden die Vorstellungen begleiten.
In Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung

Deutschland 2017, Regie: Katrin Rothe, dokumentarischer Animationsfilm, ohne Altersbeschränkung, 93 min

1.11. | Die Nile-Hilton-Affäre

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Im mondänen Nile-Hilton-Hotel in Kairo liegt eine hübsche, junge Frau tot in ihrem Zimmer. Es handelt sich um die arabische Sängerin Lalena. Umgehend wird der Fall von oberster Stelle zum Selbstmord erklärt und zu den Akten gelegt. Höchste Kreise sind in die Angelegenheit verwickelt und die haben keinerlei Interesse an einer Aufklärung der Geschehnisse. Der Kriminalkommissar Noredin Mustafa erhält jedoch schnell handfeste Hinweise auf die wahren Hintergründe und ermittelt auf eigene Faust weiter, vorerst ohne zu ahnen, in welches Wespennest er da gerade hineinsticht. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit. Die Hintergründe des Mordes an einer libanesischen Sängerin in einem Hotel in Dubai vor knapp zehn Jahren führten damals ebenfalls schnell in die ägyptische Oberschicht. Der schwedische Regisseur Tarik Saleh, der ägyptischer Abstammung ist, siedelt seine Filmhandlung nun aber rund um die ägyptische Revolution im Jahre 2011 an. So wird die Kriminalgeschichte immer wieder verbunden mit den Ereignissen rund um den Sturz des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak. Prägend für den knapp zweistündigen Polit-Thriller ist sein Hauptdarsteller. Fares Fares, bekannt aus den Jussi Adler-Olsen-Verfilmungen „Erbarmen“, „Schändung“ und „Erlösung“, verkörpert den Kommissar, der nicht locker lässt. Dieser kauzige Ermittler mit tiefschwarzem, glänzenden Haar ist ständig umgeben von verführerischen Frauen. Zigaretten sind sein Lebenselixier und außerdem besitzt er eine alte Schrottkarre, die sich Auto nennt. Der selige Humphrey Bogart aus der amerikanischen Schwarzen Serie der 1940er Jahre lässt grüssen.

Schweden 2017, Regie: Tarik Saleh, Darsteller: Fares Fares, Haria Amar, Ahmed Seleem, ab 12, 111 min